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Istanbul – Das kindle-Foto-Reisebuch-Experiment

Vor zehn Tagen war ich in Istanbul. Nachdem ich Montag morgens in den Flieger nach Deutschland gestiegen bin, wurde am Mittag das Protest-Camp im Gezi-Park eröffnet. Aber das nur so nebenbei …

Während der fünf Tage in der Bosporus-Metropole hatte ich meinen Fotoapparat dabei und ausgiebig Bilder geschossen. Die Mischung aus halbverfallenen Holzhütten auf der einen, und der ungezähmten Bauwut auf der anderen Seite, entfaltet eine ganz eigene Poesie. Und nach ungefähr zwei Tagen habe ich mich gefragt, warum ich eigentlich kein Fotobuch daraus machen sollte. ISTANBUL – Schönheit des Zerfalls war mein spontaner Arbeitstitel. Als eBook für den kindle würden zumindest keine großen Kosten entstehen. Aber interessiert sich auch jemand dafür? Und wie kann das fertige Produkt eigentlich aussehen?

Es war klar, dass es ein Wagnis wird. eBook-Reader sind eigentlich nicht für Bildbände geschaffen. Also habe ich mich gefragt, wie man ein Fotobuch so optimieren kann, dass er auf einem kindle gut aussieht.

Fotos optimieren für den kindle

Da ist zum einen die Farbe: Natürlich könnte man Farbfotos nehmen. Allerdings werden die dann nur auf einem Tablet oder am Computer richtig dargestellt. Auf dem eBook-Reader werden die Fotos automatisch in 16 Graustufen angezeigt – ohne dass der Fotograf auf die Darstellung Einfluss nehmen könnte. Die Entscheidung für Schwarzweiß-Fotos viel mir also leicht. Vor allem, da Schwarzweiß zu meiner Idee eines Istanbuls passt, dem die Patina der vergangenen Zeiten langsam abblättert.

Nur das Cover ist in Farbe.

Doch bei einem Spektrum von 16 Graustufen auf dem Reader ist es noch nicht damit getan, die Fotos einfach zu entfärben (am Computer wird Schwarzweiß mit 256 Farben dargestellt). Grauverläufe kann der kindle nur schlecht darstellen. Es ist also wichtig, die Bilder so zu bearbeiten, dass ein extrem großer Schwarzweiß-Kontrast entsteht.
Ich musste mehrere Bilder noch einmal nachbearbeiten, nachdem ich die erste Testversion auf meinen kindle geladen hatte. Um bei diesen Bildern noch mehr Kontraste und ein geringeres Farbspektrum zu erreichen, habe ich in Photoshop neben der „Helligkeit/Kontrast“-Funktion auch die „Selektive Farbkorrektur“ genutzt und damit die Grau-, Weiß- und Schwarz-Farbtöne einzeln angesteuert.

Dann ist da das Format: Der kindle hat eine Auflösung von 600×800 Pixel. Die Fotos müssen also vom herkömmlichen 2:3-Format ins 3:4-Format gebracht werden, um den Bildschirm möglichst komplett auszunutzen (ein kleiner weißer Rand bleibt immer). Ich habe die Fotos auf dem Mac mit dem Programm iPhoto vorsortiert. Auch den Formatbeschnitt habe ich hier vorgenommen. Dazu muss man einfach unter Bearbeiten/Beschneiden ein eigenes Format eingeben, zum Beispiel 3000×4000 Pixel (es ist egal wie viel Pixel das endgültige Bild haben soll, iPhoto nimmt diesen Wert nur als Maßstab für das Bildformat).
Später habe ich die Bilder in Photoshop mit einer programmierten „Aktion“ automatisiert in die Größe 585×780 Pixel umwandeln lassen.

Im Bauwahn.

Bildausrichtung: Wenn man sowohl querformartige als auch hochformatige Fotos verwendet, dann muss der Betrachter den kindle beim Umblättern wie einen Kreisel drehen. Deswegen habe ich mich dafür entschieden, nur Fotos im Hochformat zu nutzen. Teilweise hatte ich bereits Bilder im Querformat aufgenommen, die ich dann eben nachträglich zurechtgeschnitten habe, sofern dies möglich war.

Dateigröße: Der kindle hat nur eine beschränkte Speichergröße, also wollte ich die Größe der endgültigen Mobi-Datei möglichst gering halten. Immerhin sind es mehr als 200 Fotos, die es in das fertige Buch geschafft haben. Außerdem fallen bei kindle direct publishing Lieferkosten von 12 Cent pro MB Dateigröße an, die vom Autorenhonorar abgehen. Dachte ich zumindest (aber dazu später mehr). Fotos können bei Amazon außerdem nicht größer als 127 Kilobyte sein – ein Bild, das größer ist, wird später automatisch kleiner gerechnet. Meine Bilder hätten als jpg-Dateien alle circa 100 Kilobyte oder knapp darüber gehabt, doch um die Dateigröße zu verringern habe ich sie in Photoshop als Webfotos mit der Qualitätstufe „mittel“ ausgegeben, wodurch die meisten Fotos unter 100 Kilobyte gekommen sind. Bei der Ansicht auf dem kindle macht die verminderte Qualitätsstufe keinen Unterschied.

eBook-Erstellung: Das eBook habe ich mit Jutoh erstellt. Dafür habe ich im Programm mit einem leeren Projekt angefangen und die Bilder importiert. Die Bildunterschriften habe ich jeweils direkt unter ein Foto geschrieben. Das führt dazu, dass beim Betrachten auf einem eBook-Reader zuerst das Foto als Vollbild angezeigt wird, nach dem Umblättern erscheint dann der zugehörige Text. Auf größeren Bildschirmen wird die Bildunterschrift hingegen zusammen mit dem Foto angezeigt.

Nach dem Exportieren der Datei hatte ich zweimal das Problem, dass Bilder in der mobi-Version nicht richtig dargestellt wurden (statt einem neuen Bild wurde ein älteres doppelt angezeigt) – obwohl bei Jutoh alles richtig aussah. Nachdem ich diese Bilder in Jutoh gelöscht und neu eingefügt habe, ging es dann wieder.

Mobi-Dateien sind bei mir übrigens immer doppelt so groß, wie die ePub-Dateien, wenn ich sie aus Jutoh ausgebe. Bei dem Istanbul-Buch habe ich vorher berechnet, dass die finale Datei etwa 12 MB groß sein sollte. Stattdessen waren es 25 MB. Aber das scheint nur unnötiger Ballast zu sein. Nach dem Upload bei kdp ist die Datei wieder 12 MB groß.

Shop in Beyoğlu.

Mit kdp auf Amazon hochladen

Ursprünglich hatte ich die Idee das eBook für ein paar Tage zum Einführungspreis von 0,99 € anzubieten. Wählt man beim Einstellen auf die kdp-Platform die 35%-Tantiemen-Variante, berechnet Amazon keine Versandkosten, also sollte das möglich sein, oder?

Leider nein. Was mir völlig neu war: Ab einer gewissen Dateigröße steigt der minimale Listenpreis. So gelten die normalen Listenpreis-Anforderungen nur für Dateien bis 3 MB. eBooks zwischen 3 und 10 MB müssen mindestens 1,73 € (zuzüglich Mehrwehrsteuer) kosten. Und bei Dateien über 10 MB müssen es 2,6 0€ (ebenfalls zuzüglich Mehrwertsteuer) sein. Ich muss das Buch also mindestens zum Endverkaufspreis von 2,68€ ansetzen, entscheide mich aber für 2,99€.
Normalerweise würde ich mich bei diesem Preis für die 70%-Tantiemen-Variante entscheiden. Wenn nicht die Versandkosten von 1,47 € wären, die Amazon in diesem Fall berechnet. Da würden vom Verkaufspreis nur 1,00 € bleiben. Bei der 35%-Variante entfallen die Lieferkosten und der Autor bekommt beim selben Verkaufspreis immerhin 1,02 €.
Würde ich 3,99 € verlangen, dann würden bei der 70%-Variante allerdings schon wieder ein paar Cents mehr hängen bleiben, und bei 4,99 € würde sich dieser Effekt noch deutlicher zeigen.

Weitere Tipps zum Formatieren von Bildern und das Bearbeiten in Jutoh hat übrigens Matthias Matting in seinem Blog zusammengetragen.

Hat den Jazz in die Türkei gebracht: Der 88-Jährige İlham Gencer.

Nun bin ich natürlich sehr gespannt, wie mein Bildband-Experiment bei den Lesern ankommt. Ich habe auch noch einen Anhang mit Reise-Tipps angefügt, um einen kleinen Mehrwert zu den Fotos zu bieten.

Hier geht es zu dem fertigen Buch:


David Černýs Prag

In Prag zufällig über Spuren des schwarzhumorigen Skandalkünstlers David Černý zu stolpern, ist eher einfach. Das erste Mal begegnet uns eine Skulptur des tschechischen Bildhauers im Innenhof des Kafka-Museums. Die beiden Herren scheinen sehr viel Spaß zu haben, wie sie da ins Becken urinieren, in dem sie mit beiden Beinen stehen. Wir sind so abgelenkt von der hydraulischen Meisterleistung, dass uns entgeht, dass der Brunnen die Form von Černýs Heimatland Tschechien hat.

Wir schlendern an der Moldau entlang weiter. Schon nach ein paar Minuten stoßen wir wieder auf Skulpturen, die sofort unsere Aufmerksamkeit erregen. Wir befinden uns vor dem “Museum Kampa”, und im Vorgarten krabbeln drei Riesenbabys ohne Gesichter über den Rasen. Tatsächlich – eine Tafel offenbart, was wir schon vermutet haben: “David Černý. Mimina / Babies. Concept, 1995 / Realization in bronze, 2008.”

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