Joey zieht in den Krieg

Er brauche das Geld, um sein Studium abzuschließen, begründete Joey die Entscheidung, als Kriegsfotograf nach Syrien zu reisen.
»Warum machst du keine Hochzeitsfotos, wenn du Geld brauchst?«, fragte ich. »Ist doch nicht ehrenrührig. Ich hab das früher auch gemacht. Es macht keinen Spaß, aber ’ne zeitlang ist es okay.«
»Nein, ich kann das nicht«, sagte Joey. »Nur weil ich Fotograf bin, heißt das noch lange nicht, dass ich gute Hochzeitsfotos schießen kann. Bei meiner Schwester hab‘ ich schon die Verlobungsfotos versaut.«
Na gut, dachte ich. Kriegsreporter also. Wow! Woher nimmt Joey nur den Mut? Ich würde mich das nie trauen.
Er hatte sowieso schon lange den Wunsch, einige Zeit als Kriegsfotograf zu arbeiten, erklärte er mir. An Orte zu gehen, an denen gewaltiges Unrecht geschieht und die Weltöffentlichkeit darauf hinweisen.
Das machte irgendwie Sinn, dachte ich. Das passte schon zu Joey, dem Gerechtigkeits-Nostalgiker. Wenn ich ehrlich war, konnte ich mir Joey besser mit einer Anglerjacke in einem Schützengraben vorstellen, als mit einem Anzug bei einem Sektempfang, mit anschließendem Brautstraußwerfen.
In den folgenden Wochen entwickelte sich Joey zu meinem persönlichen Superhelden. Auch wenn ich mir Sorgen um ihn machte, nachdem er abgefahren war. Joey würde zu den Mittellosen und Unterdrückten gehen und ihnen eine Stimme verleihen. Ein bisschen neidisch war ich. Und ich schämte mich, dass ich so etwas niemals machen würde. Wer hinderte mich denn daran, nach Syrien zu gehen? Vielleicht nicht gerade als Fotograf, da gibt es bessere. Joey zum Beispiel. Aber als Journalist. Die Gräuel aufschreiben und erzählen, wie es wirklich dort unten abläuft. Hemmingwaymäßig. Tja.
Für Joey begann das große Abenteuer bereits bei der Einreise. Mit einem verrosteten Motorrad durchquerte er nachts von der Türkei aus das Grenzgebirge nach Syrien, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht komplett vermint war. Der Treibstoff in der Maschine reichte gerade bis zu dem Treffpunkt in der Wüste, an dem er von einer Rebellentruppe mit Kamelen abgeholt wurde – aber das war eher Glück als exakte mathematische Berechnung. Der Reiseabschnitt mit den Kamelen – zweihundert Kilometer landeinwärts – war um einiges unangenehmer als die Fahrt auf dem Motorrad, wie mir Joey später versicherte.
Die Situation in Homs war zu dieser Zeit bereits dramatisch, täglich wurden mehr Regierungstruppen um die Stadt zusammengezogen. Das Einreisen in die Stadt war mit den richtigen Kontakten allerdings noch möglich.
Die Armee von Assad hielt mehrere Stadtviertel belagert. Die Freie Syrische Armee die übrigen Gebiete. Dazwischen verlief ein Frontstreifen, zwei bis drei Straßenzüge, in denen um jeden Zentimeter gekämpft wurde. Joey wurde etwa einen Kilometer von der Frontlinie entfernt in einem Privathaus einquartiert, das zu einer Klinik für Kampfversehrte umfunktioniert worden war. Als Joey am nächsten Tag vergeblich darauf wartete, dass die Rebellen ihn wie versprochen abholen würden, bat der Arzt ihn bei den Amputationen zu helfen. Joey musste Arme festschnallen und Körperteile festhalten. Neun Patienten wurden an diesem Tag provisorisch operiert, sieben überlebten.
»Die ganze Zeit habe ich mir vorgestellt, das ist jetzt ein anderes Leben, das ist jetzt ein anderer Joey«, sagt er, als er nach seiner Rückkehr bei mir im Garten sitzt. »Jetzt bin ich eine andere Person, habe ich mir gesagt und ich muss einfach nur handeln und reagieren auf das, was passiert.«
Nach Einbruch der Dunkelheit wurde er dann endlich abgeholt und zum Hauptquartier der Rebellen gebracht, wo er bei der allabendlichen Lagebesprechung dabei sein durfte. »Die Kommandanten, die gerade von ihrer Schicht an der Front kamen, haben eifrig Brot und Oliven gegessen und dabei über die Ereignisse und Todesfälle des Tages berichtet.« Dort hat Joey auch zwei der frisch Amputierten wiedergesehen, die Bericht erstatten mussten und dann aus der Armee entlassen wurden.
Am nächsten Tag wurde Joey von den Rebellen aus der Stadt in ein Trainingslager in die Berge verfrachtet. »Da habe ich mir meine erste Kriegsverletzung zugefügt.« Joey zeigt mir die Verbrennung an seiner Hand. Ein bisschen stolz ist er, auch wenn er das nicht zugeben würde. »War aber nur beim Schießtraining.« Ohne Training an der Waffe nehmen die Rebellen keine Journalisten mit an die Front.
Erfahrene Kriegsreporter erklärten Joey: »Das ist nicht Afghanistan hier, wo du von irgendwelchen NATO-Truppen beschützt wirst. Deren höchste Order ist dich heil nach Hause zu bringen. Die Rebellen freuen sich zwar, wenn du über ihren Kampf berichtest. Aber wenn du an der Front verletzt wirst, bist du ihnen doch nicht so wichtig, dass sie wegen dir draufgehen wollen. Dann lassen sie dich zurück, geben dir ’ne Knarre und dann musst du sehen, wie du durchkommst.«
Im Trainingslager lernte Joey auch Kemal kennen, den Sohn des Garnisonsführers der Rebellen von Homs. Kemal war in etwa genauso alt wie er und ebenfalls Student. Von seinem Vater war Kemal aus der Universität in Damaskus nach Homs beordert worden, um im Kampf gegen das Regime zu helfen. Den ganzen Tag über haben Joey und Kemal sich Chuck-Norris-Witze erzählt und Kemal hat ihn eingeladen, in seinem Elternhaus zu übernachten. Das lag näher an der Front als die Klinik. Die ganze Nacht schlugen Granaten in der Nähe des Gebäudes ein. Weder Kemal noch Joey haben ein Auge zugetan. Stattdessen haben sie sich bei jeder Detonation ihre Matratzen über den Kopf gezogen und weiter Witze gemacht. »Die Reflexe setzen sofort ein«, versichert mir Joey. »Wenn nachts irgendwo was explodiert, dann reagierst du ganz automatisch, ohne weiter nachzudenken.«
Nach dem Abschluss des Schießtrainings musste Joey nicht mehr zur Waffe greifen. Dafür waren die Erlebnisse an der Front wenig erbaulich. »Das schlimmste war, dass man niemanden sieht. Es herrscht furchtbarer Lärm, aber woher kommen die Schüsse eigentlich? Und wenn man doch mal jemanden sieht, dann geht das Geschrei los. Das sind ja alles keine Berufssoldaten, sondern Verkäufer und Bauern.«
Wie er mit dem unmittelbaren Tod umgeht, mit dem er zum ersten Mal in seinem Leben an allen Ecken konfrontiert war, frage ich Joey.
»Das ist doch noch normal im Krieg. Hab‘ bisher gar nicht weiter drüber nachgedacht. Damit komme ich schon klar.«
Aber als er das sagt, senkt er den Blick und die Stimme.
»Bei den Exekutionen hab‘ ich nicht fotografiert. Das war verboten, das muss man akzeptieren.« Grundsätzlich gehen die Rebellen nicht anders mit ihren Gefangenen um als die Staatstruppen. Im Krieg verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse schnell. Das sieht jetzt auch Joey so.
Zwei Abende später war Joey wieder beim täglichen Kriegsrat anwesend. »Als einer der Kommandanten verkündete, dass Kemal es nicht geschafft hat, ließ sich der Befehlshaber kurz entschuldigen. Zwei oder drei Minuten später kam er zurück in den Raum und dann ging die Besprechung weiter.«
Ins Haus des Garnisonschef konnte Joey nun nicht mehr zurück, dafür wurde ein leerstehendes Haus zum Pressezentrum umfunktioniert, in dem nun alle Journalisten wohnen konnten. »Unten wurde gearbeitet, oben gepennt. Es war wie eine große WG.« Gute Gespräche hatte Joey in dieser Zeit vor allem mit dem französischen Fotojournalisten Rémi Ochlik, der ein paar Jahre älter war als er. Die Lage im Pressezentrum war entspannt, es gab nur wenige Granateinschläge im näheren Umfeld. Doch Joey – der mittlerweile mehrere Tage in Folge nicht geschlafen hatte – entwickelte langsam eine kleine Paranoia. »Tagsüber sind ständig irgendwelche komischen Typen um das Haus geschlichen. Ein paar von denen wurden von den Rebellen kontrolliert, aber nachweisen konnte man ihnen nichts.« Joey redete mit den anderen Journalisten. Einige hatten ebenfalls ein ungutes Gefühl, die meisten nicht. »Auch nicht Marie Colvin – die mit der Augenklappe. Eine lebende Legende, vor der hatten alle anderen Journalisten mächtig Respekt.«
Joey kontaktierte die Rebellen, er wollte raus aus der Stadt. Doch die Belagerung durch die staatliche Armee war mittlerweile so eng, dass die Journalisten nur noch einzeln aus Homs gebracht werden konnten. »Ich musste eine Weile warten. Dann haben sie mich bei einem Händler in einem Transporter unter einem Haufen Lammfleisch versteckt und nach Damaskus gefahren.« Der Wagen wurde von den Regierungstruppen kontrolliert. Aber weil das Fleisch so gestunken hat, haben die Soldaten die Ladefläche nicht näher untersucht.
Von Damaskus aus konnte Joey über einen Botschaftskontakt nach Beirut weiterreisen und von dort aus nach Deutschland zurückfliegen. Davon, dass eine Granate mitten im Pressezentrum in Homs einschlug, erfuhr er erst, als er wieder zu Hause war. »Das YouTube-Video, das zeigt, wie Marie Colvin und Rémi in Säcken notdürftig beerdigt werden, musste ich mir hundert mal ansehen«, sagt Joey. »Ich konnte es echt nicht glauben.«
Die Journalisten-Gewerkschaft verlangt seit Joeys Rückkehr, dass er alle drei Monate bei einem Psychologen vorspricht. »Die Tests, die der mit mir gemacht hat, waren alle total okay. Ich komme schon damit klar.«
Ich sage einen Moment nichts. Dann frage ich: »Was sind das für Leute, die jahrelang als Kriegsreporter arbeiten?«
Ohne lang zu überlegen sagt Joey: »Machos.«
Als ich Joey erzähle, dass er mein Held ist, schweigt er. Weil er sich traut für seine Überzeugungen einzustehen und einfach so in ein Kriegsgebiet aufzubrechen. Er weiß nicht, was er antworten soll. Auch als ich frage, ob er wieder nach Syrien fahren wird, zögert er.
»Mal sehen«, sagt er schließlich.
Ich erzähle Joey von der Schlussszene des Oscar-prämierten Bombenentschärfer-Films »The Hurt Locker«. Der Hauptcharakter aus dem Film ist, als er aus dem Irak zurück in die USA kommt, schon von den einfachsten Aufgaben, beispielsweise dem Einkaufen im Supermarkt überfordert. Er kann gar nicht anders, als sich für den nächsten Einsatz zu melden.
Joey kennt den Film noch nicht. Als ich fertig erzählt habe, lacht er.
Joey lenkt das Gespräch jetzt auf andere Themen, unterhaltsamere. Über den letzten Woody-Allen-Film sprechen wir. Später am Abend, als er geht, bleibt Joey noch einmal kurz auf der Türschwelle stehen.
»Ach, hätte ich fast vergessen.« Er macht eine kurze Pause. »Ich fotografiere demnächst eine Hochzeit. Vielleicht kannst du mir ein paar Tipps geben.«

[Dieser Text erschien zuerst im August 2012 im eBook »Bosnischer Schwiegervater, preußische Großmutter (Das Leben ist scheiße, aber schön – Band 2)«]

Comments
  • Daniel

    PS: Der Text ist bereits ein Jahr alt. Mittlerweile hat „Joey“ tatsächlich einige Hochzeiten fotografiert. Er ist aber auch wieder als Kriegsreporter nach Syrien gegangen.

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