Kurzgeschichte: Paul ist tot

Offiziell aufgelöst haben wir uns nie.
Seit sechs Jahren ist es das erste Mal, dass die ganze Band wieder an einem Ort versammelt ist. Nun ja, mehr oder weniger zumindest. Paul liegt eine Etage tiefer.
Ab und zu laufe ich einem von den Jungs über den Weg. Chris zum Beispiel. Seit er im Elektromarkt um die Ecke arbeitet, sehe ich ihn alle paar Wochen.
»Dicker, wie gehts?« – »Muss. Muss.« – »Klar«, fangen unsere Gespräche an.
Schnell landen sie bei: »Wir müssen unbedingt wieder mal proben.« – »’türlich, ‘türlich, das wär krass!« Und: »Ich war neulich im 7er Club. Wir sollten gucken, ob die uns da auftreten lassen.« – »Auf jeden, das wird geil. Hab schon eine neue Idee wegen der Bühnenshow.«
Gäbe es die Band nicht, wahrscheinlich gäbe es kein Gesprächsthema.
Natürlich wird es kein neues Konzert geben. Wir sind nicht die Blues Brothers. Aber es ist schön, dem grauen Alltag für einen kurzen Augenblick entfliehen zu können, an die bunte und wilde Jugend zurückzudenken.
Bis Chris schließlich sagt: »Meld dich einfach, Dicker. Nummer hast du noch?« – »Klar.« – »Geilo, ich muss dann mal wieder.« Und dann geht er ab und räumt weiter die Regale ein. Mit CDs von echten Bands, die echt proben und echte Konzerte geben.
Unser letztes Konzert haben wir auf der Hochzeit von Speedboy gegeben, unserm Sänger. Speedboy hat jetzt zwei Kinder, ein Haus im Grünen, eine eigene Firma und heißt wieder Stephan.
Klar, wir haben uns damals für die Hochzeit alle in Schale geworfen. Paul und Chris, Sven Saitenkiller und ich. Schwarze Anzüge, schwarze Schuhe, schwarze Krawatten und schwarze Hemden. Sogar die Unterhosen waren schwarz. Und dann sind wir auf die Bühne gestiefelt, wie bei unserer eigenen Beerdigung.
Bei dem dritten Song kam Speedboy für einen kurzen Gastauftritt auf die Bühne geschlichen und leierte seinen Text ins Mikro, als sei er gerade aus dem Tiefschlaf gerissen worden. Sein Speed – das körpereigene Punkrock-Mojo – war ihm nach fünf Stunden Eheglück bereits abhanden gekommen.
Nach dem Gig bin ich zusammen mit Paul getürmt und in der nächstbesten Kneipe versackt.
Paul zog kurz nach Speedboys Hochzeit in eine andere Stadt zum Studieren. Immer wenn er in der Gegend war, rief er an und wir trafen uns und zogen um die Häuser. Von der Band redeten wir nie.
Wir sprachen über Mädels, über sein Studium, meine Arbeit als freischaffender Künstler und über unsere Zukunftspläne. Nach einiger Zeit sprach er dann immer öfter von Dope, drehte sich Joints, die er alleine rauchte, und wurde immer verschlossener.
Die Anrufe von Paul wurden irgendwann selten. Letztes Jahr habe ich nur ein einziges Mal mit ihm gesprochen. Das war, als ich ihn an seinem Geburtstag angerufen habe. Dieses Jahr hatte ich es nur noch bis zum Telefonhörer geschafft. Ich hatte bereits seine Nummer rausgesucht. Doch dann legte ich den Hörer wieder zur Seite und rief ich ihn nicht an.
Vor drei Tagen hat mich Chris angerufen. »Dicker, sitzt Du gerade?«
»Was ist denn los?«
»Versprich mir erst, dass Du sitzt.«
Wenn ich heute darüber nachdenke, dann ist das das Schlimmste für mich. Dass ich Paul an seinem Geburtstag vor vier Wochen nicht angerufen habe.
Jetzt schaufeln wir jeder nacheinander ein Häufchen Erde auf seinen Sarg. Danach stehen wir zusammen einen Moment einfach nur da. Die Hände verschränkt, die Köpfe gesenkt. Die schwarzen Sonnenbrillen wie Schutzschilde vor unseren Gesichtern.
»Wir müssen unbedingt mal wieder zusammen proben«, sagt Chris nach einer halben Minute Schweigen.
»Würde ihn sicher freuen«, sagt der Saitenkiller.
Stephan nickt stumm.
»Klar«, sage ich. »Das machen wir.«
»Ihr habt meine Nummer?«, fragt Chris noch, als wir gemeinsam zum Parkplatz schleichen.
»Klar, Dicker.«
Wir steigen ein, jeder in sein eigenes Auto, und fahren los.

Comments
  • Markus

    Hallo Daniel,

    deine Geschichte hat mich gerade sehr zum Nachgrübeln gebracht. Ich bin Momentan in der Situation, dass eine sehr gute Freundin von mir bald sterben wird, mit der ich ein oder zwei mal auch zusammen musiziert habe.
    Aber wie es so kam, haben wir uns über ein halbes Jahr nicht gesehen und davor auch nur noch ganz selten. Arbeit, Familie und die Entfernung stellten sich immer wieder dazwischen.
    Erst seit 2 Monaten, nachdem wir erfahren haben, wie es ihr geht, sehen wir uns wieder öfters.
    Eigentlich bin ich über deine Webseite gestolpert, da ich selber auf meiner Hompage ab und zu Kurzgeschichten veröffentliche.

    LGM

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