Kurzgeschichte: Party unter der Stadt

 

E s ist mein letzter Abend in der Katakombe. Morgen Mittag sitze ich im Bus. An der Bar treffe ich Veso und Miloš, die sich beide bereits ein Bier reinkippen. Ich hole mir auch eine Flasche und sage: »Bereit für Party?« Beide erwidern im Chor: »Bereit für Party!« Unser geheimer Schlachtruf.
Die Katakombe ist der Ort unserer besten Stunden. Hier haben wir auf unsere Freundschaft getrunken. An der Theke haben wir geschworen, dass wir alles tun werden um dieses verkackte Land so schnell wie möglich hinter uns zu lassen. Seither ist viel Zeit vergangen.
»Und«, fragt Miloš, »wie machst du es?«
»Mein Cousin hat mir ein Besuchervisum besorgt, dann setze ich mich ab und geh schwarzarbeiten.«
»Krass.«
Ja, krass, denke ich, und trinke erst mal einen Schluck Bier. Ich gucke meine Freunde an, und will irgendwas Geistreiches sagen. Sowas wie: »Scheiße, Jungs, ihr werdet mir fehlen.« Aber ich spüre, wie es mir die Kehle zuschnürt und ich sentimental werde, und darauf hab ich keinen Bock. Ich lasse die beiden stehen und streife erst mal alleine durch den Club. Der DJ hält sich für besonders hip und legt einen Balkan-Techno-Mix nach dem anderen auf. Wenn ich noch einmal Blechbläser höre, dann kotze ich. Immer noch besser als Turbo-Folk, rede ich mir ein. Ich versuch den Krach auszublenden und denke daran, dass Miloš nachher noch auflegt, und dann wird alles gut.
Vom Rand der Tanzfläche mustere ich die Mädels, die heute am Start sind. Sie haben alle zu viel MTV geguckt und jetzt laufen sie rum wie Zwillingsschwestern bekannter Sängerinnen. Bei der Geburt getrennt, tanzen sie heute durch Bosniens Kellergewölbe. Ne Rihanha haben wir da, eine Lady Gaga und natürlich auch ein paar Shakiras.
Auf dem Klo treffe ich Veso. »Und?«, fragt er.
»Was?«
»Gehts wieder?«
»Keine Sorge.« Ich schüttle ab und zeige ihm die Packung mit den Pillen, die mir der Arzt gegeben hat, damit ich von den anderen Pillen runterkomme, die mich durch die letzten Jahre getragen haben. Es war Veso der mich zum Doktor geschickt hat. Seit er eine Freundin hat, die Krankenschwester ist, hält er sich selbst für einen Guru. Um ihn zu beruhigen, drücke ich zwei Pillen aus der Verpackung in meine Hand, schmeiße sie in den Mund und spüle sie mit einem Schluck Bier runter.
Veso zeigt den Daumen nach oben und ich will ihn gerade fragen, ob er nicht mitkommen will nach Deutschland, ich kenne noch jemand der für ihn bürgen könnte. Doch dann klingelt das neue iPhone in Vesos Hosentasche. »Ciao, Prinzessin«, sagt er in den Hörer und setzt einen entrückten Gesichtsausdruck auf. Ich muss an das Gerücht denken, dass seine Freundin schwanger ist, und stehe rum auf dem Klo. Mir wird klar, dass Veso auf keinen Fall mitkommen wird, und ich nehme einen Schluck aus der Flasche, und dann ziehe ich weiter.
Miloš steht am Rand der Tanzfläche und filmt die tanzenden Mädels mit seinem Handy. Aus den Lautsprechern dröhnt was von wegen »Disko, Disko Partizani!«, und ich setze die Flasche wieder an.
»Wer denkt sich so einen Scheiß aus!«, ruft Miloš. »Fick die Partisanen, Mann. Ich kanns nicht mehr hören. Immer dieser Kriegsscheiß. Sei froh, dass du endlich abhaust.«
»Und du? Wann bist du an der Reihe?«
Er schweigt einen Moment, dann sagt er: »Weiß nicht. Mir ist schon klar, dass ich in Deutschland viel mehr verdienen würde, und dass die Straßen nicht kaputt sind und die Politiker nicht korrupt. Aber irgendwie lässt mich diese Stadt nicht mehr los. Sie saugt mich auf, Mann. Verstehst du was ich meine?«
»Weiß nicht«, sage ich. »Man muss doch wenigstens versuchen wegzukommen.«
»Klar. Deswegen freu ich mich für dich. Aber mach dir um mich keine Sorgen. Wenn ich samstags hier her komme, und meine Musik auflege, dann vergesse ich alles. Ich liebe den Club. Er ist wie eine zweite, geilere Stadt unter der echten beschissenen Stadt!«
Das ist mir zu wenig. Miloš sieht wieder zu den Mädels und ich tue es ihm gleich. Ich fühle mich immer noch scheiß rührselig, also entscheide ich was dagegen zu unternehmen. Lady Gaga tanzt an mir vorbei und lächelt mich an. Ich tanze ihr hinterher, und irgendwann beugt sie sich zu mir rüber und fragt: »Willst du ein paar XTC?« Und ich denke: Scheiße, kann ich nicht machen. Ich bin fertig mit dem Dreck. Doch dann schallt wieder »Disko, Disko Partizani« aus den Boxen, und ich sage: »Klar.« Wir gehen an den Rand der Tanzfläche. Sie holt ein paar bunte Pillen aus der Tasche und ich nehme mir zwei oder drei und schlucke sie mit dem Rest von meinem Bier runter. Veso taucht von irgendwo auf und sagt: »Fuck, Mann! Du kannst das Zeug nicht durcheinander nehmen.«
»Scheiß drauf«, sage ich, »es ist mein letzter Abend. Ich muss feiern!« und dann tanze ich weiter und rufe: »Disko, Disko Partizani«. Lady Gaga tanzt mir hinter her und reibt sich an mir, und ich spüre den Ständer in meiner Hose. Die Lichter werden bunter, die Musik lauter, und es fühlt sich an, als würde mein Gehirn gleich explodieren. Scheiß drauf, denke ich und drehe mich wild im Kreis. Irgendwann merke ich, dass ich gar nicht mehr stehe, sondern auf dem Boden liege. Trotzdem dreht sich alles weiter. In meinem Blick tauchen verschwommen Veso und Miloš und Lady Gaga auf. Außerdem ein paar Shakiras.
»Scheiße, verlass uns jetzt nicht«, sagt Veso.
Aber natürlich verlasse ich euch. Diese Stadt kriegt mich nicht.
»Disko, Disko Partizani!«, schallt aus den Boxen. Ich bin müde. Morgen sitze ich im Bus nach Mannheim und jetzt muss ich schlafen. Dann mache ich die Augen zu und endlich wird alles ruhig. Friedlich. Turbo-Still.

 

„Party unter der Stadt“ ist meine Gewinner-Story vom Mannheimer Heinrich-Vetter-Literaturpreis 2010. Bisher nicht im Internet veröffentlicht. Wurde also mal Zeit.

Showing 3 comments
  • Driton

    Ich finde deine Kurzgeschichte super! Hast sicher mehr als den zweiten Platz verdient. Da ich aus dem Kosovo stamme, kenne ich solche Situationen und solch einen Drang der Leute dort unten. Sehr gut umgesetzt.

    Was ich mir jetzt überlege, ob ich in meinen Kurzgeschichten auch mehr Dialoge einbauen sollte. Denn ich lege grossen Wert auf „versteckte“ Botschaften, wie falsche Freunde, Geld ist nicht alles, Facebook-Sucht etc.

    Weiterhin viel Erfolg 🙂

  • Daniel M

    Hi Driton,

    ich mag es gerne Dialoge zu schreiben, weil sie einen Text auflockern und weil sie mir auch leichter von der Hand gehen als lange Beschreibungen. Aber das ist natürlich immer auch ein bisschen persönliche Vorliebe.

    Dir auch viel Erfolg.

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  • […] zweite Mal habe ich bei einem Literatur-Wettbewerb einen dreiseitigen Text zu Geld gemacht. Der Mannheimer Heinrich-Vetter-Literaturpreis ist hoch dotiert. Selbst als zweiter […]

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