»Gott, bitte lass mich nicht als Jungfrau sterben!« – Leseprobe: Jungfrau (männlich), gläubig, sucht

Prolog

»Ahhhhhhhh!«, ich schreie wie Tarzan bei der Brunft und ich habe allen Grund dazu.
Was würdet ihr machen, wenn ihr gerade mit dem Kopf voran in eine planschbeckengroße, fleischfressende Pappvulva gefallen wärt, während sich euer rechtes Bein an einem Mikrofonkabel verfangen hat? Die Schamlippen klappen mechanisch auf und zu, schnappen nach meinem Unterkörper wie ein Fisch auf Futtersuche.
»Tu doch mal einer was unternehmen!«, brüllt jemand.
»Keen Problem«, höre ich die Stimme des Ausstatters.
»Vooorsicht! Die Requisiten!« Das ist der Produzent.
»Drückste einfach mal den Schalter, Blondie.«
»Den da?«
Keine Ahnung, was um mich herum vorgeht, aber ich fürchte, sie fangen jetzt an, auf der Steuerung herumzuspielen. Die Schnappfrequenz hat sich jedenfalls unangenehm erhöht.
»Ah, nich‘ den, du olle Butze! Gib mal her.«
Es zischt und quietscht, dann schnappt die Falle ein letztes Mal zu und es wird dunkel.
»Was’n nu los?«
»Kurzschluss.«
»Meuterei! Sabotage! Das hat man davon, wenn man einen christlichen Enthaltsamkeits-Taliban für einen Pornodreh engagiert. Macht der das absichtlich?«
Meinen zweiundzwanzigsten Geburtstag habe ich mir anders vorgestellt, denke ich noch, dann steigt die Panik in mir auf. Ich bete. Aus tiefstem Herzen. Ich will nicht draufgehen. Nicht so.
»Gott, bitte lass mich nicht als Jungfrau sterben!«

1. Tito Boheme und ich

Ich kenne Tito schon ewig. Ab der Zehnten waren wir zusammen in derselben Klasse. Damals hieß er noch Bernd. Bernd Bluhm.
Er machte einen rasanten Aufstieg zum Klassenclown, was neben seiner wuchernden Lockenfrisur, die ihn wie den kleinen Bruder von Tingeltangel-Bob aussehen ließ, in erster Linie seiner überdrehten Sexualität zuzuschreiben ist. Andere Jungs haben den ganzen Tag an Sex gedacht, Bernd hat den ganzen Tag davon geredet. Welchen Pornofilm er zuletzt gesehen hat, welche Hollywoodschauspielerin er gerne mal »durchnehmen« würde (und wie), was man seiner Meinung nach mit unserer Bioreferendarin nach Unterrichtsschluss anstellen sollte (»die Vererbungslehre praktisch ausprobieren«), was die besten Aufreißsprüche wären, ob kleine Brüste besser sind als große (»Kleine natürlich. Große sehen vielleicht besser aus, aber haste die schon mal angefasst?«) – er faselte einfach immerzu von Sex.
Meine Geschichte mit Bernd fing an, als er herausfand, dass ich praktizierender Christ war. Von nun an hing er ständig an meinen Fersen und bombardierte mich mit Fragen.
»Sag mal, Benjamin? Du darfst also keinen Sex vor der Ehe haben?«
»Nein. Ich will keinen Sex vor der Ehe haben.«
»Wer’s glaubt!«

Oder: »Was ist denn mit Selbstbefriedigung? Willst du mir erzählen, du denkst nie an Pamela Anderson und holst dir dann einen runter?«
Ich hasse die vernichtende Ehrlichkeit, mit der einem die Heiden so gern begegnen.
Trotzdem sagte ich: »Nein. Also, das mache ich nicht.«
Tatsächlich war ich zum Zeitpunkt der Fragestellung vier Tage lang selbstbefriedigungsenthaltsam und war mir sicher, dass ich das für immer bleiben würde. Von wegen.
»Ich versteh dich nicht, Alter«, pflegte Bernd am Ende unserer Gespräche zu sagen. »Das ist doch wider die Natur. Sieh dir doch mal Helene an.«
Helene, die Klassenschönheit. Es stand außer Frage, dass auch der Klassenclown sie scharf fand.
»Und jetzt stell dir mal vor, die würde nackt auf deiner Bettkante sitzen. Die würdest du doch auch nicht runterschubsen. Gib’s zu!«
Und ich sagte: »Lass mich in Ruhe.«
Bernd schreckte vor seinen Fragen auch nicht zurück, wenn Lehrer in der Nähe waren. Einmal sprach er unsere Klassenlehrerin im Flur an, die sich gerade mit dem Geschichtslehrer unterhielt.
»Wussten sie, dass der Benjamin gegen Sex vor der Ehe ist?«
Ich lief rot an.
Die Klassenlehrerin sagte: »Ehrlich? Aber das macht doch keinen Sinn. Man muss erst mal austesten, ob man auch sexuell zusammenpasst, bevor man heiraten kann.«
Die Lehrerin selbst war bereits dreimal geschieden. Ihre Herangehensweise schien ihr also auch nicht viel geholfen zu haben. Das ermutigte mich eher meiner Überzeugung treu zu bleiben, als dass es mich abschreckte.
Dann meldete sich der Geschichtslehrer zu Wort: »Also Sex vor der Hochzeit finde ich super. Ich bin eher gegen Sex nach der Hochzeit.«
Auch er war schon drei Mal geschieden.
Nach dem Abitur verloren Bernd und ich uns für einige Zeit aus den Augen. Ich absolvierte meinen Zivildienst in einem Jugendtreff für Straßenkinder. Ehrlich gesagt habe ich absichtlich nicht versucht mich vor dem Dienst zu drücken und mich ausmustern zu lassen, weil ich mir gut vorstellen konnte, später einen sozialen Beruf zu ergreifen und vielleicht Sozialarbeit zu studieren. Vorher wollte ich mir gerne ein paar echte Sozialarbeiter bei der Arbeit ansehen. Um es kurz zu machen: Die Arbeit in der sozialen Einrichtung hat Spaß gemacht, den Sozialarbeitern bei der Arbeit zuzusehen nicht. Am Ende der Zivildienstzeit war ich mir sicher: Ich bin eigentlich gar nicht der Typ für ein soziales Studium. Es muss ja auch nicht jeder Christ Sozialarbeiter werden und jede Christin Krankenschwester.
Was sollte ich also machen? Während der sechs Monate im Jugendtreff hatte ich eine andere interessante Entdeckung gemacht. Die Sozialarbeiter drückten mir eines Tages eine Videokamera in die Hand. Beim Sommerfest wollten sie einen Film über die Arbeit zeigen, um Sponsoren zu begeistern, ich sollte einfach mal draufhalten. Und das tat ich! Der fertige Film sorgte für viel Wirbel. »Warum studierst du nicht irgendwas mit Medien«, sagte mein Chef. »Da hast du echt ein Händchen für.« Die Anerkennung tat mir gut. Warum eigentlich nicht?
Also machte ich mich schlau, was es für Möglichkeiten gab, Film zu studieren. Doch schon die Bewerbung für die Hochschule war kompliziert. Nachwuchsfilmer mussten mindestens ein Jahr Praktika im Filmbereich nachweisen, einen Bewerbungsfilm einschicken und dann – wenn man zu den Glücklichen gehörte, die eine erste Einladung erhalten – ein mehrtägiges Aufnahmeverfahren über sich ergehen lassen.
Ich gehörte nicht zu den Glücklichen. Also wollte ich es wieder versuchen, im nächsten Jahr noch mehr geben und so absolvierte ich noch mehr Praktika. Drehte wieder einen Film, schickte ihn ein und wartete. Dann kam die nächste Absage. Mit dem Geld, das ich bei den Praktika verdient hatte, konnte ich mich irgendwie durchschlagen, schließlich wohnte ich noch zu Hause bei meinen Eltern. Aber ewig würde das nicht so weitergehen. In der Zwischenzeit erhielt ich das Angebot, für eine Firma, bei der ich mal bei Dreharbeiten dabei war, ein weiteres Praktikum als Tonassistent zu absolvieren. Die Bezahlung war schlecht, aber was sollte ich machen? Ich hatte sonst nichts zu tun, also sagte ich zu.
Hier traf ich Bernd wieder. Er jobbte mittlerweile als Beleuchter beim Film und lachte mich aus.
»Schön blöd von dir, hier für 400 Euro im Monat den Assi zu machen. Ich krieg 300 Euro pro Tag!«
»Ich wusste gar nicht, dass du dich für Film interessierst?«, sagte ich.
»Wusste ich auch nicht. Bis ich gemerkt habe, dass es wenig Branchen gibt, wo so viele geile Weiber auf einem Haufen rumrennen.«
Schon in der Schule nervte Bernd uns ständig mit seinen neunmalklugen Sprüchen. Als er jetzt so altklug daher redete, musste ich daran denken, dass Bernd im Laufe seiner Schulzeit dreimal sitzen geblieben war. Wie alt war er mittlerweile eigentlich? Bestimmt schon vierundzwanzig! In seinen Arbeitspausen saß Bernd gelangweilt beim Catering und erzählte jedem, der es wissen wollte – oder auch nicht -, was er von der Filmbranche hielt.
»Selbständig müsste man sich machen, Benjamin! Dann wäre man nicht immer abhängig von diesen Drecks-Producern. Das sind doch alles Arschkriecher. Die machen alle noch in die Windeln. Hast du nicht mal daran gedacht deine eigenen Filme zu drehen?«
»Klar. Jeder hier träumt davon, der nächste Spielberg zu werden.«
»Ja, träumen – seit dreißig Jahren träumen die alle davon, wie es sein wird, wenn sie bei der Oscarverleihung über den roten Teppich laufen. In der Zwischenzeit schleppen sie Lampen, sind der fünfte Regieassi oder kochen Kaffee.«
»Und?«
»Pornos müsste man drehen.«
Da war er wieder. Bernd, wie ich ihn kannte.
»Da ist noch Geld zu holen. Kann ja auch nicht so schwer sein. Jeder, der ein bisschen Ahnung von der Technik hat, kann da ohne großes Kapital sein Glück finden. Verstehst du, das ist unser Ticket in die Unabhängigkeit!«
»Ja, klar«, habe ich gesagt und gelacht. Ich dachte, es wäre ein Witz.
Drei Monate später kam sein Anruf: »Ich bin bereit die Sache durchzuziehen. Hab mir ’ne Kamera gekauft, ein paar Scheinwerfer und ’ne alte Tonangel. Ich brauch nur noch’n paar Leute zum Helfen. Biste dabei?«
»Aber Bernd. Ich bin doch gläubiger Christ.«
»Ach du Scheiße! Ich dachte, da wärst du drüber hinweg.«
Ich atmete laut hörbar aus.
»Hör mal. Brauchst jetzt nicht rot zu werden. Ich find das total okay, dass du deine Prinzipien hast. Aber ich hab gehört, dass die dich bei der Filmhochschule nicht angenommen haben.«
»Woher weißt du denn –«
»Is‘ ja egal, Mensch. Und nenn‘ mich nicht Bernd. Ich heiße jetzt Tito. Tito Boheme!«
»Tito?«
»Ja, genau. Ich finde das total schade mit deiner Ablehnung. Ich hab doch gesehen, dass du ordentlich anpacken kannst. Das sieht man heute nicht mehr oft. Deshalb will ich dich in meiner Crew. Kannst ja der Tonmann werden – dann brauchst du nicht mal hinsehen.«
Es gibt Momente im Leben, da hören sich die unsinnigsten Argumente wie eine Formel von Einstein an. Vor allem, wenn man gerade seiner beruflichen Ziele beraubt ist und mit 200 Euro Tagesgage geködert wird.
Bernd – oder Tito – bat mich ihn in seinem neuen Firmensitz zu besuchen. Am Rande des Industriegebiets hatte er sich eine 200-Quadratmeter-Halle mit mehreren angeschlossenen Büroräumen gemietet. Bernd empfing mich im maßgeschneiderten Nadelstreifenanzug. Die Haare kurz geschnitten, die Fingernägel frisch manikürt.
»Ach du Scheiße! Bist du das Bernd?«
»Tito ist der Name. Willkommen in meinem Reich!«
»Wie kannst du dir das alles leisten?«
»Gefällt dir mein Look?« Er strich seinen Anzug zurecht. »Boss macht einfach die besten Klamotten. Ein Lebensrat für dich: Spare nie bei der Erscheinung. Frauen stehen auf Männer mit Stil – und auf Männer, die so aussehen, als könnten sie sich einen Privatschneider leisten.« Er lachte und schlug mir auf die Schulter. »Ich sehe schon, wir werden eine prima Zeit haben. Wenn ich dich so ansehe, dann kannst du viel von mir lernen. Es läuft doch immer noch scheiße mit dir und den Frauen?«
»Wie oft noch: Ich bin Christ. Ich suche die eine Frau zum Heiraten.«
»Ja, klar!« Er nahm mich nicht ernst. »Das kriegen wir beide schon hin mit deinem Liebesleben, vertrau mir.«
»Ich meinte eigentlich auch nicht deinen Anzug, sondern das alles hier. Wie kannst du dir diese ganzen Büroräume leisten? Die Kameraausrüstung, die Lampen —«
Ehrlich, der Kerl war zwei oder drei Jahre älter als ich. Ich konnte mir nicht mal ein gebrauchtes Auto leisten.
»Ein bisschen gespart, ein paar gute Investments, ein bisschen Flirten mit der Bankberaterin — du weißt ja, wie das läuft.«
Investments? Ich war mir nicht mal sicher, ob ich alt genug war, um zu wissen, wie man das überhaupt schreibt.
»Aber das sind alles nur die langweiligen Details. Viel spannender ist, was wir daraus machen!«
»Aus was machen wir was?« Ich konnte ihm nur schwer folgen.
»Aus diesen Räumen! Diese Büros werden komplett zur Lounge-Area umgebaut, mit Bar, Chill-Out-Wiese, einem kleinen Kino und Kuschelecke. Die Mädels werden darauf abfahren, vertrau mir. Hier machen wir einen Durchbruch, damit es für die Büros einen separaten Eingang gibt. Es muss ja nicht jede Frau, die wir hier herbringen, gleich sehen, was wir wirklich treiben.« Er zwinkerte mir zu.
»Ich werde hier gar nichts treiben, und ich werde auch sicher keine Frauen herbringen. Ich will einfach nur einen professionellen Job als Tonmann machen und dafür normal bezahlt werden. Sonst nichts.«
»Hab‘ ich dir schon gezeigt, wo das Aquarium hin soll?«
Ich seufzte.
»Schon gut. Also, was ist nun? Biste dabei?«
Ich zögerte einen Moment und atmete tief durch. Auf jeden Fall würde ich nur den Ton angeln, klarer Fall. So schlimm konnte das doch nicht werden.
»Kannst du mir eine Anzahlung geben?«
Natürlich habe ich niemandem aus meinem Bekanntenkreis von meinem neuen Job erzählt. Das erste Mal war das Schlimmste. Insgeheim hatte ich mir Pornodrehs als etwas ziemlich Aufregendes vorgestellt. Ich bin vielleicht ein gläubiger Christ, aber eben auch ein Kerl.
Statt knisternder Erotik lag dann aber eher der Geruch von abgestandenem Schweiß und ungewaschenen Socken in der Luft. Und wenn ich mal einen kurzen Blick auf eine der nackten Damen werfen wollte – ich kann nicht den ganzen Tag mit geschlossenen Augen rumlaufen – dann war die ganze Szenerie so surreal und unnatürlich, dass ich sofort peinlich berührt weggesehen habe. Irgendwann hatte ich mich daran gewöhnt, dass um mich herum alle nackt herumsprangen, von da ab wurde es leichter und ich hab angefangen, es als normalen Job zu sehen.
Abends bin ich nach Hause gegangen, habe mir erst mal »das Rohr durchgepustet«, wie mein Chef zu sagen pflegt, und dann habe ich mich schuldig gefühlt. Also habe ich wieder aufgehört mit dem Hinsehen und hab mir eine Augenbinde gebastelt, so wie bei Wetten Dass, damit es leichter wurde mit dem Nichthinschauen.
Irgendwann kam Tito und erkläre mir, dass er nun bereit ist, einen richtigen Spielfilm zu drehen.
»Echt für Erwachsene, weißt du Benjamin. Mit einem richtigen Drehbuch und so. Jetzt werden wir’s den Spackos in Babelsberg und Hollywood zeigen.«
Die Handlung des Films Tito Boheme und die Titten des Todes ist schnell erzählt: Die Männer einer Urwaldexpedition, allen voran Autorenfilmer Tito Boheme, geraten in die Fänge eines Stammes leicht bekleideter, äußerst gefährlicher Amazonen. Die Damen des Stammes verführen ihre männlichen Opfer zum Geschlechtsverkehr (in allen erdenklichen Posen) und opfern diese nach dem Höhepunkt einer fleischfressenden Pflanze in Vulvaform, die den Mittelpunkt und das Zentrum des Dorfes markiert. Einzig Tito Boheme kann sich befreien, muss dafür aber auch auf den Sex verzichten. In der letzten Szene sieht man ihn zurück in den Dschungel ziehen, seine Kamera (mit dem ganzen heißen Filmmaterial, das er gedreht hat) lässig über die Schulter geworfen, und im Sonnenuntergang verschwinden.
»Klar«, habe ich gesagt. »Das wird ein Hit. Keine Frage.«
Er hört sowieso nicht auf mich.
Es hat zwei Wochen gedauert die alte Lagerhalle mit einigen Zimmerpflanzen und einer Menge Kunstrasen aus dem Baumarkt in eine unrealistisch aussehende Dschungellandschaft zu verwandeln. Nun drehen wir bereits seit weiteren zwei Wochen.

Und dann also mein Geburtstag. Heute ist eine große Szene an der Vulva angesagt. Eine Amazone schläft mit einem der Forscher direkt neben der Pflanze und stößt ihn zum Abschluss in den hungrigen Schlund. Ich muss bei der ganzen Sache neben der Vulva auf einer Leiter stehen, um mit der Tonangel nicht ins Bild zukommen. Ich klettere also lässig die Sprossen rauf, ziehe mir meine Augenbinde über und fahre die Angel aus.
Gerade hat Tito gerufen: »So Kinder, jetzt aber mal zackig«, als mein Mobiltelefon klingelt. »Wer hat denn da sein Handy nicht aus am Set? Ich fass es nicht! Der Tonmann.«
»Ja, tut mir Leid, aber ihr dreht ja noch gar nicht.«
Also gehe ich ran.
»Na, wat geht? Der PogoPaule hier. Wollt‘ dir zum Geburtstag gratulieren, Dicker!«
Schön, dass wenigstens einer daran gedacht hat. Pogo ist mein bester Freund. Sein komischer Spitzname kommt aus der Zeit, als wir uns im Jugendkreis unserer Gemeinde kennen gelernt haben. Damals waren wir die Einzigen im Freundeskreis, die nicht den ganzen Tag irgendwelche Vineyard-Lobpreis-CDs gehört haben, sondern handgemachte Punkmusik. Wenn wir zusammen auf einem Konzert waren – sagen wir mal von Flatfoot 56 oder so – dann liebte Paul es sich mit den Hardcore-Punks vor die Bühne zu stellen, damit er Pogo tanzen konnte. Jeder hat halt so seine Art den Herrn zu loben. Irgendwann kam ein Gastprediger in den Jugendkreis, der meinte, eine prophetische Gabe zu haben. Er hat Paul vorhergesagt, dass er mal ein ganz großer Evangelist werden würde, der so richtig auf den Putz haut für den Herrn. Also haben wir zu Paul gesagt: »Weißt du was? Ab jetzt heißt du PogoPaul, weil du als Evangelist mal so abgehen wirst wie ein Punk beim Pogo tanzen.«

Aber zurück zum Telefonat: Wir haben ein bisschen gequatscht und dann fragt er: »Sag mal wo bist’n du gerade, weil, da ist ja voll der Krach im Hintergrund.«
Und ich so: »Ach, ähm, weißt du –«
Und er: »Is ja auch egal. Pass mal auf, was mir passiert ist. Das muss ich dir erzählen.«
Und dann, nicht ohne einen gewissen Unterton von Begeisterung in seiner Stimme: »Ich hab meine Unschuld verloren! Dicker!«
Und ich: »Hä?«
Man muss meine Verwunderung an dieser Stelle verstehen. Immerhin sind wir beide Christen. Seit wir sechzehn sind, besuchen wir denselben Jugendkreis, in dem die allgemeingültige Meinung vorherrscht, dass:

1. Christen keinen Sex vor der Ehe haben, und
2. dass Christen, wenn sie dann verheiratet sind für immer zusammenbleiben und sich nicht scheiden lassen

Mir ist schon klar, dass wir jungen Christen trotzdem alle hormonell aufgedreht sind wie ein Duracellhase, der an einem Starkstromkabel angeschlossen ist. Aber sind wir nicht auch »feurig für den Herrn«, wie man in unseren Kreisen zu sagen pflegt? Und sind wir nicht auch bereit uns an Gottes Willen zu halten?
»Wie is’n das passiert?«, frage ich schließlich.
»Ich war auf ’ner Party und hab ein bisschen viel getrunken, und da war Anke, und die hat auch viel getrunken –«
»Anke? Deine Ex-Freundin?«
»Genau. War auch scheiße das erste Mal. Aber jetzt haben wir die ganze Woche über weitergemacht und haben schon alles durch. Die ganzen Pornostellungen, viel zu arg.«
»Na ja, ich weiß nicht.«
Mit den Stellungen aus Pornofilmen kenne ich mich aus.
»Und seid ihr jetzt wieder zusammen, oder was?«
»Ne. Erst mal sehen.«
»Dann würde ich an deiner Stelle wieder aufhören. So könnt ihr euch eurer Gefühle doch gar nicht bewusst werden, ihr Freaks.«
»Sag mal, der telefoniert ja immer noch!«, ruft Tito. »Mach ma hin, Junge, wir wollen anfangen.«
»Ja, gleich! Lass uns das später noch mal in Ruhe besprechen Pogo.«
»Okay, gerne.« Und dann triumphierend: »Ich hab eine flachgelegt!«
»Au, Mann!«, sage ich, beende das Gespräch und greife nach der Augenbinde.
»Und alles auf Anfang. Wir drehen!«
Ich ziehe die Angel hoch, während ich mit einer Hand noch immer mit der Binde beschäftigt bin, die sich hinter meinem linken Ohr verhakt hat. In Gedanken bin ich immer noch bei PogoPaul. Ausgerechnet der! Dabei dachte ich immer, wir beide seien die letzten Felsen in der Brandung. Ich steige noch eine Stufe hoch, um besser angeln zu können. Die Binde löst sich endlich und rutscht über meine Augen. Und dann stolpere ich.

Nun hänge ich hier unten und hab Zeit zum Nachdenken. Pogo also auch. Was man so hört, ist er nicht der Einzige von der alten Truppe, der seine Ideale über Bord geworfen hat. Vielleicht wäre es ja ganz gut gewesen, wenn unser Jugendkreisleiter Peter, bei einer der wenigen Gelegenheiten, als er mit hochrotem Kopf das böse Thema Sex behandelt hat, noch weitere Punkte angesprochen hätte anstatt der zwei Thesen, die ich eben bereits erwähnt habe. Denn wenn ich mir die Wirklichkeit ansehe, ist es doch vielmehr so, dass:

1. sich irgendwann sogar Christen verlieben, und dass sogar Christen sich körperlich von ihrem Partner angezogen fühlen können. Da sie der Überzeugung sind, dass sie diesen Menschen auf jeden Fall heiraten werden, denken sie, dass es dann ja auch nichts ausmacht, schon vorher rumzuvögeln. Kurz nach der ersten gemeinsamen Nacht merken sie dann, mittlerweile befreit von all den fleischlichen Gelüsten, die ihre Sinne vernebelt hatten, dass sie doch nicht so verliebt sind, wie sie eigentlich dachten, und beenden die Beziehung umgehend, oder
2. Christen verlieben sich irgendwann erstmalig und heiraten innerhalb weniger Wochen, um endlich ohne Schuldgefühle poppen zu können. Nachdem sie feststellen, dass Sex nicht alles im Leben ist, und dass ein Tag 24 Stunden hat, während der durchschnittliche, nicht genmanipulierte Kerl, aber nur ein paar Minuten seinen Mann stehen kann, neigt diese Art von Ehen – und das ist empirisch belegt – zu den höchsten Scheidungsraten überhaupt.

Und was ist mit mir? Ich bin total unverliebt, ungevögelt, unverstanden und unausgeglichen. Außerdem hänge ich mit dem Kopf voran in einer riesengroßen Papp-Vulva. Ich bin ein Opfer des in christlichen Gemeinden grassierenden Heiratswahns. Wenn ich in einen Gottesdienst gehe, kommen Leute auf mich zu, die ich nicht kenne, fragen nach meinem Alter und dann wo meine Frau wäre.
»Was?«, sagen sie, »du wirst zweiundzwanzig und bist noch nicht verheiratet?«
Und dann nehmen sie mich an der Schulter, führen mich in eine dunkle Ecke und drücken mir komische Ehe-Traktate in die Hand. Danach lächeln sie wieder hoffnungsvoll und sagen, »mach dir keine Sorgen, Jesus ist sooo viel größer als unsere Probleme.«
Meine alten Freunde schlafen sich durch die Welt, oder sind mit 22 das erste Mal geschieden – nicht verheiratet. Was mache ich eigentlich? Ich stecke in einer überdimensionierten Scheide und es ist dunkel.

Weiterlesen im Roman „Jungfrau (männlich), gläubig, sucht„.

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