David Černýs Prag

In Prag zufällig über Spuren des schwarzhumorigen Skandalkünstlers David Černý zu stolpern, ist eher einfach. Das erste Mal begegnet uns eine Skulptur des tschechischen Bildhauers im Innenhof des Kafka-Museums. Die beiden Herren scheinen sehr viel Spaß zu haben, wie sie da ins Becken urinieren, in dem sie mit beiden Beinen stehen. Wir sind so abgelenkt von der hydraulischen Meisterleistung, dass uns entgeht, dass der Brunnen die Form von Černýs Heimatland Tschechien hat.

Wir schlendern an der Moldau entlang weiter. Schon nach ein paar Minuten stoßen wir wieder auf Skulpturen, die sofort unsere Aufmerksamkeit erregen. Wir befinden uns vor dem „Museum Kampa“, und im Vorgarten krabbeln drei Riesenbabys ohne Gesichter über den Rasen. Tatsächlich – eine Tafel offenbart, was wir schon vermutet haben: „David Černý. Mimina / Babies. Concept, 1995 / Realization in bronze, 2008.“

Als wir am nächsten Tag ohne Ziel durch die Altstadt spazieren, hängt plötzlich  ein Mann zwischen den historischen Häusern.

Beim Blick von vorne (und einem weiteren Blick in den Reiseführer) wird klar: Hier baumelt Sigmund Freud in der Luft. Nach der Interpretation von David Černý.

Abends wollen wir ins Kino gehen und suchen gezielt nach einem der schönsten historischen Filmpaläste der Stadt. Die Wahl fällt aufs Lucerna in der gleichnamigen Passage. Was wir finden: Eine Skulptur von David Černý.

Wieder einmal lässt der Künstler eine bekannte Persönlichkeit von der Decke baumeln. Doch diesmal ist es gleich der böhmische Fürst Wenzel, von dem eine Statue zu Pferde auf dem nahegelegenen Wenzelsplatz steht. Černý stellt den Volksheiligen im wahrsten Sinne auf den Kopf, na ja, zumindest dessen Pferd.

Das erste Kunstwerk von David Černý, dass wir bewusst aufsuchen, befindet sich im Garten des Futura Projects. Über diese Skulpturen automatisch zu stolpern ist tatsächlich unmöglich. Allein das unabhänigege Kunstzentrum Futura zu finden ist eine Herausforderung. Die Karte im Reiseführer leitetet uns irgendwo auf einen staubigen Parkplatz, zwischen leerstehenden Industriebaracken auf der einen Seite, und einem Wohngebiet auf der anderen Seite. Doch wo ist hier ein Kunstzentrum? Wir fragen zwei Polizisten. Die deuten erst zwei Minuten auf unserer Karte herum („yes, yes, you are here!“), dann irgendwann fragt einer der beiden was das überhaupt sein soll, das „Futura Project“.

„Art gallery“, erklären wir.

„Ah. Art gallery“, wiederholt der Polizist und kratzt sich am Kopf.

Also laufen wir die Straße den Hügel hinauf ins Wohngebiet und siehe da: Hier ist ein Schild. Irgendwo im Hinterhof eines normalen Wohnhauses muss sich das Museum mit drei Stockwerken, 1.000-Quadratmeter-Ausstellungsfläche und einem Garten mit zwei Riesen-Hintern von David Černý befinden.

Leider steht auf dem Schild auch, dass das Museum erst um 12 Uhr aufmacht und nicht wie im Reiseführer um 11 Uhr. Also noch eine halbe Stunde. Wir schlendern die Straße weiter, den Hügel wieder hinab und trauen uns in die erstbeste Kneipe. Eigentlich zum Biertrinken, aber das Essen riecht gut, also eifern wir den Bauerarbeitern am Nachbartisch nach und probieren den günstigen böhmischen Mittagstisch. Eine gute Entscheidung.

Zurück um 12.30 Uhr am Future Project ist die Tür noch immer zu. Unser Klingeln wird nicht erwidert. Wir warten also bis ein Bewohner das Haus verlässt und schlüpfen durch die Haustür in den Flur, der in den Innenhof führt. Und siehe da: Dort findet sich tatsächlich ein wunderschönes Kunstmuseum (Eintritt übrigens kostenlos), das auch tatsächlich geöffnet ist. Im Keller sehen wir einen Durchgang zum Garten – leider abgeschlossen.

Also fragen wir die nette Dame am Eingang und sie schließt uns auf.

Der Garten ist so zu gewuchert, dass die selbst die beiden überdimensionierten Hinterteil-Skulpturen in der üppigen Botanik untergehen. Doch dann haben wir es geschafft: Wir stehen vor dem Werk „Brownnosing“ aus dem Jahr 2003.

Über Leitern muss der Besucher hinauf steigen und den Skulpturen in den Allerwertesten blicken. Hier sollte eigentlich eine Videoinstallation zu sehen sein, in der zwei Männer mit den Masken von Milan Knizak (Direktor der Prager Nationalgallerie) und der tschechische Präsident Václav Klaus sich gegenseitig füttern. Allerdings funktionieren die Videomonitore schon lange nicht mehr, wie uns die nette Museumsdame erklärt, also bleibt nur der Blick in ein ziemlich schwarzes Loch.

Vielleicht nicht ganz die ursprüngliche Intention des Künstlers. Wobei, bei David Černý kann man ja nie wissen.

 

 

Comments
  • Dietmar Riemel

    Die politischen Arbeiten des Künstlers gefallen uns sehr. Occupy Düsseldorf würden gerne zu David Černýs Kontakt aufnehmen und mit ihm über ein Projekt in Düsseldorf reden. Gibt es eine Kontakt-Adresse?

    Liebe Grüße
    Dietmar

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