Ein typisches Merkmal von Menschen, die sich gerade 30 Wohnungen angesehen haben

Vor zwei Jahren kehrte meine Schwiegermutter nach Bosnien zurück. Darauf wartend, dass mein Schwiegervater den Plan, »nächstes Jahr in die Heimat zurückzukehren«, den er schon seit 30 Jahren jedes Jahr erneuerte, in die Tat umsetzte, hatte sie zu guter Letzt die Schnauze voll. Also ließ sie ihn allein zurück in der 3-Zimmer-Etagenwohnung in Deutschland und zog ins 3-Familien-Haus in einem bosnischen Kurort. Nicht ohne uns zuvor zu fragen: »Wollt ihr nicht bei ihm einziehen? Ihr spart Geld, er hat jemanden, der sauber macht und vielleicht wird es ihm bald wirklich zu blöd und er kommt nach.«
»Hm«, sagten meine Frau und ich.
Doch mein Schwiegervater hatte kein Problem mit der Idee: »Warum nicht? Ich gehe bald in Rente. Spätestens nächstes Jahr im Mai.«
Na gut, dachten wir. Eigentlich ein verlockendes Angebot, besonders wenn man bedenkt, dass mein Schwiegervater von Sonnenaufgang bis nach Sonnenuntergang mit seinem Taxi unterwegs war und man ihn zu Hause nur selten antraf.
»Nächstes Jahr im Mai«, das war nur noch ein halbes Jahr. Klang machbar. Also zogen wir ein.
Nächstes Jahr im Mai fragten wir: »Was ist denn nun mit der Rente?«
»Ich kann noch nicht in Rente!«, verteidigte sich mein Schwiegervater. »Ich werde erst Ende des Jahres 65. Wenn ich jetzt aufhöre zu arbeiten, dann muss ich auf einen Teil der Ansprüche verzichten. Das geht nicht.«
Na gut, der Schwiegervater war immer noch fast nie zu Hause. Freunde, die uns regelmäßig besuchten, aber meinen Schwiegervater noch nie gesehen hatten, fingen an Witze zu reißen über unser Phantom-WG-Mitglied. Eigentlich klang auch Ende des Jahres machbar.
Ende des Jahres fing mein Schwiegervater plötzlich an, nicht mehr als Erster am Morgen aufzustehen und verließ auch das Haus nicht mehr, bevor wir aufwachten. Er kam auch nicht mehr von der Arbeit, als wir schon schliefen.
»Ich muss nicht mehr so viel arbeiten«, sagte mein Schwiegervater. »Jetzt bekomme ich ja Rente!«
Plötzlich spielten sich am Morgen regelmäßig tumultartige Szenen vor der Badezimmertür ab. Und abends wurde ausgetestet, welcher Fernseher lauter abgespielt werden konnte: Der mit dem deutschen Programm im Wohnzimmer oder der mit den Balkan-Sendern in der Küche.
Und dann kam der Tag, als wir auf der Kommode die Anmeldebestätigung für ein Fitnessstudio in Mannheim fanden. Mein Schwiegervater hatte gerade einen 12-Monats-Vertrag abgeschlossen.
»Jetzt kann ich erst recht nicht zurück, dann hätte ich ja umsonst bezahlt!«
Das war der Punkt, als wir uns entschlossen eine neue Wohnung zu suchen.
»Super!«, sagte mein Schwiegervater. »Dann kann ich diese Wohnung vermieten. Außerdem kann ich euch helfen den Kredit abzuzahlen! Dann muss ich allerdings noch eine Weile in Deutschland bleiben und mein Taxigeschäft weiterführen.«
Clever, so ein Schwiegervater, dachte ich.
Schnell war klar, dass wir, wenn wir die WG weiterführten, mehr Platz benötigen würden. Eine 4-Zimmer-Maisonette-Wohnung mit zwei Bädern wäre eine Lösung. So schwer könnte es nicht sein, eine zu finden. Und strikt auf die Angebote bezogen sollten wir auch recht behalten.
Ein halbes Jahr später hatten wir uns sage und schreibe 29 Angebote angesehen, als uns bei ImmoScout ein neues Objekt auffiel. Der Makler, ein gewisser Herr Bluhm forderte statt der üblichen 3,57 % Provision gesalzene 4,7 %. Na ja, dachte ich. Vielleicht ist Herr Bluhm eine derartige Koryphäe seines Fachs, dass er mit diesem Preis durchkommt. Und 160 Quadratmeter, vier Zimmer, dazu ein Gäste-WC und das alles deutlich unter dem üblichen Mietspiegel für die Gegend. Das wollten wir uns dann doch mal ansehen.
»Wir treffen uns um 17 Uhr vor dem Haus«, sagte Herr Bluhm zu mir am Telefon. »Aber seien sie bloß pünktlich! Ich hab ja keine Lust mir den Arsch abzufrieren!«
»Natürlich«, versicherte ich, obwohl mir die Mischung aus Befehlston und Umgangssprache von Herrn Bluhm nicht gefiel. Aber er hatte natürlich recht. Es war Winter, Minusgrade, es war schon besser, wenn wir pünktlich waren.

Verdammte Scheiße!, das ist ja wirklich Winter, dachte ich, als ich mit meiner Frau und meinem Schwiegervater um 17.15 Uhr vor dem Haus stand. Von Herrn Bluhm noch immer keine Spur.
»Wirklich dumm vom Makler uns so lange vor der Tür stehen zu lassen«, sagte meine Frau. »Da haben wir viel Zeit zu sehen, wie befahren die Straße ist. Das ist ja wie auf dem Hockenheimring!«
Fünf Minuten später hielt mit quietschenden Reifen ein Kleinwagen vor dem Haus. Heraus sprang ein kleiner Mann mit Ohrring, Jeans, schwarzem Jackett und knallrotem Schal – was in der Summe wohl intellektuell aussehen sollte, es aber nicht tat – und lächelte uns mit einem breiten Grinsen an. Herr Bluhm.
»Das mit dem Verkehr können Sie gleich wieder vergessen«, beschwichtigte er sofort, noch ehe wir danach fragen konnten. »Das ist nur der Berufsverkehr. Sonst ist es hier ruhig wie auf dem Friedhof.«
»Aha«, sagten wir, immer noch ungläubig.
»Die Lage ist wirklich ganz großartig«, versicherte er. »Dreihundert Meter die Straße runter ist ein Bäcker, in der Parallelstraße eine Schule und dort drüben – einfach über die Straße – ist der Notar, wo wir dann in paar Tagen gemeinsam den Vertrag unterschreiben werden!«
»Aha«, sagten wir im Chor.
Als wir die Wohnung betraten, blieb er, kaum einen halben Schritt in den Flur getan, abrupt stehen. Er beugte den Oberkörper vor, streckte die Arme von sich und rieb die Fingerspitzen von Daumen und Mittelfingern theatralisch aneinander.
»Hören Sie das? Hören Sie das?«
Wir schüttelten simultan den Kopf.
»Das sind die dreifach verglasten Fenster. Da hören Sie nichts!«
Der Flur war nicht langgezogen, wie man das sonst so kennt, sondern quadratisch und bot genug Platz zum Fussball spielen. Nur zum Hinstellen von Möbeln eignete er sich eben nicht. Kein Wunder, wie die auf vier Zimmer bei 160-Quadratmetern kamen, dachte ich noch. Doch da führte uns Herr Bluhm auch schon weiter.
»Das hier ist der Ballsaal.«
»Ballsaal?« Wozu brauchen wir einen Ballsaal?
»Nein, so nenn‘ ich das nur. Eigentlich ist das hier das Wohnzimmer. Der Vorbesitzer hat zwei Wände rausgenommen. Aber dafür hat man richtig schön Platz.«
Bestimmt 100 Quadratmeter, dachte ich. Schade nur, dass wir unser Wohnzimmer mehr so zum auf der Couch sitzen nutzen wollten, und nicht um herrschaftliche Empfänge zu veranstalten.
Herr Bluhm stellte sich in die Mitte des Raums. Er beugte den Oberkörper vor, streckte die Arme von sich und rieb die Fingerspitzen von Daumen und Mittelfingern theatralisch aneinander.
»Hören Sie das? Hören Sie das?«
Wieder schüttelte ich den Kopf. Das durfte doch wohl nicht wahr sein. Ich sah, dass sich meine Frau das Lachen verkneifen musste.
Mein Schwiegervater sagte: »Sehr schön. Wirklich, sehr schön die Wohnung. Aber ich muss leider zu einem Termin.«
»Wirklich?«, fragte Herr Bluhm. »Wusste ich doch gleich, dass Ihnen die Wohnung gefallen würde.«
Mein Schwiegervater ließ uns mit Herrn Bluhm allein, der immer noch bester Laune war und nicht bemerkt zu haben schien, dass mein Schwiegervater nur einen Vorwand zum Abhauen gesucht hatte.
Herr Bluhm zeigte uns nun das Bad – komplett mit giftgrünem Teppich aus den späten Sechzigern ausgelegt – das auch noch mal gut und gerne 15 Quadratmeter hatte, dafür aber keine Toilette. Diese befand sich im Raum nebenan.
»Das ist sehr praktisch«, versicherte uns Herr Bluhm. »Dann stinkt es nicht so im Bad!«
»Und wo ist die Gästetoilette?«
»Na, das ist doch die Gästetoilette.«
Wie bitte? Das konnte doch keine Gästetoilette sein. Wenn es im Bad keine Kloschüssel gab, dann konnte das doch nur ein separates WC sein.
Doch Herr Bluhm zeigte uns schon das nächste Zimmer. Ein kleines Schlafzimmer mit begehbarem Kleiderschrank.
»Da fahren die Frauen total drauf ab«, sagte er und zwinkerte mir zu. »Und: Hören Sie das? Hören Sie das?«
Dann führte er uns wieder in den Flur.
»Was sagen Sie? Hab ich Ihnen zu viel versprochen?«
»Ja, aber wo sind denn eigentlich die anderen Zimmer?«, fragte meine Frau. »Das waren doch erst zwei.«
»Die anderen zwei Zimmer sind natürlich die Zimmer, die im Wohnzimmer integriert sind. Dort, wo die Wände rausgenommen wurden.«
»Achso«, sagte ich trocken.
Wie sich herausstellte, hatte die Wohnung zu Zeiten des Vorbesitzers und seiner vierköpfigen Familie 320 Quadratmeter. Die restlichen 160 Quadratmeter hatten sie vor dem Auszug aber abgetrennt und für die älteste Tochter behalten. Wir standen also tatsächlich gerade in einer 160-Quadratmeter-Wohnung mit einem überdimensionierten Flur, einem Ballsaal, separater Toilette und einem einzigen Schlafzimmer.
»Und?«, fragte Herr Bluhm, mit immer breiter werdendem Grinsen auf dem Lippen. »Hören Sie das? Hören Sie das?«
»Äh -«
Herr Bluhm rieb jetzt die Fingerspitzen so über seine Handflächen, dass es ein bisschen wie das Rascheln von Papier klingt. Das hatte er bestimmt lange geübt.
»Das ist der Klang des Vertrags, den wir dann nächste Woche miteinander unterschreiben werden. Keine Angst, ich nehm’ Sie an der Hand.«
»Also, ich höre nichts.«

Nein, wohnen werden wir in dieser Wohnung sicherlich nicht. Trotzdem bin ich Herrn Bluhm dankbar. Wir gehören jetzt in den Club der Menschen, die sich gerade 30 Wohnungen angesehen haben. Eine Schwelle, die Menschen auf ein neues Erkenntnislevel hebt, so viel ist mir mittlerweile klar. Und ein typisches Merkmal von Menschen, die sich gerade 30 Wohnungen angesehen haben, ist dies: Sie kommen nach Hause, setzen sich auf die Couch, lassen den Blick einen Moment schweigend durch ihre Wohnung streifen und sagen dann, »zu Hause ist es eigentlich am Schönsten!«
Das findet mittlerweile auch mein Schwiegervater. Wenn es nach ihm ginge, könnte er noch ewig hier in der Wohnung bleiben. Also natürlich bleibt er nicht wirklich für immer.
Denn: »Spätestens nächstes Jahr gehe ich eh zurück nach Bosnien«, sagt er und dann geht er in die Küche und testet aus, welcher Fernseher der lauteste ist.

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Weitere Stories im eBook: „Das Leben ist scheiße, aber schön.

 

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