Alte Schlampe Nostalgie – und warum ich mir trotzdem einen eBook-Reader gekauft habe

Joey ist Nostalgiker. Man sieht es schon von Weitem. Die braune Cordhose, die abgewetzten Lederschuhe, die schwarze Hornbrille, die aussieht, als hätte er sie aus dem Requisiten-Fundus eines alten Woody-Allen-Films gestohlen. Schon mit vierzehn hielt man ihn für achtzehn, weil er immer so neunmalklug daherredete, und weil er mehr Fremdwörter benutzte als ein Universitätsprofessor. “Damals”, pflegte er dann immer zu sagen, als läge es schon Lichtjahre zurück, “als ich zum ersten Mal eine Schallplatte von Bob Dylan in der Hand hatte” oder “Damals, als ich zum ersten Mal einen Antonioni-Film gesehen habe. Das war eine Revolution!” Als er achtzehn war, und die Sache mit dem Bartwuchs ihren Höhepunkt erreichte, sah er aus wie dreißig. Mit neunzehn wie vierzig. Das ging exponentiell so weiter. Mit einundzwanzig strahlte er bereits die Weisheit eines Einhundertdreijährigen aus!

Neulich war Joey zu Besuch bei mir. Zum Rotweintrinken. Schnell kam das Gespräch auf das neue Buch, das ich gerade veröffentlicht hatte. Erstmals in Eigenregie. Und exklusiv als eBook.

“Ich werde nie auf gedruckte Bücher verzichten”, verkündete Joey. “Mir kommt nie ein eBook-Reader ins Haus!”

Einen eBook-Reader, na gut, den hatte ich auch noch nicht. Eigentlich bin ich auch Nostalgiker. Ich laufe immer mit einem Filzhut rum, damit ich aussehe wie ein Privatschnüffler aus einem Film Noir, und ein Smartphone hab ich auch nicht. Warum auch? Als ich aufgewachsen bin, gab es nicht mal Handys. Irgendwie haben wir es trotzdem geschafft, uns durchs Leben zu manövrieren. Die Nachmittagsverabredungen machten wir einfach vormittags in der Schule aus, und wenn wir irgendwo den Weg nicht gefunden haben, dann haben wir halt einen Passanten gefragt (Navigationsgeräte gab es nämlich auch noch nicht).

Aber so ein eBook kann man auch am Computer lesen und für mich als Autor bedeutet die Veröffentlichung direkt bei Amazon nie gekannte Freiheit. Also fange ich an, die eBook-Technologie zu verteidigen. Und den eBook-Reader, den ich selbst gar nicht besitze.

“Sieh nur, wie viel Platz man sparen kann!” Ich deutete auf die zahlreichen Bücherregale in meinem Wohnzimmer, zum Bersten gefüllt mit Papierbüchern. “Es nimmt kein Ende mit den Büchern. Ich brauche schon wieder neue Regale. Aber wohin damit?”
Das stimmt sogar, denke ich. Meine Frau würde mit Sicherheit intervenieren, wenn ich neue Regale kaufen würde. Sie spricht schon jetzt von zu vielen Möbeln, die ihr die Sicht auf ihre Blumen rauben. Ich kenne einen Verlagsleiter, der alle paar Jahre in ein größeres Haus ziehen muss, weil sich die Bücher bei ihm in allen Räumen in wackeligen Stapeln bis unter die Decke türmen, auch im Klo. Würde ich bei uns zu Hause anfangen neben der Toilettenschüssel alte Erstausgaben zu stapeln, dann würde ich auf dem Klopapier bald die handschriftliche Nachricht finden, dass meine Frau gerade ausgezogen ist.

„Unsinn!“, sagte Joey. „An eBooks kann man nicht riechen. Man kann nicht fühlen, wie die Finger über das Papier gleiten. Das ist nicht sinnlich!”

„Aber denk nur daran, wenn Du auf Reisen gehst! Wer hat schon Lust kiloweise Bücher mit sich herumzuschleppen?”

Es war eine Fangfrage. Ein ganz klarer Punkt für mich. Ich wusste, dass er viel in der Weltgeschichte unterwegs war, oft mehrere Monate am Stück. Und das nur mit einem Rucksack ausgerüstet.

Er wirkte nachdenklich. Überlegte, wo er den nächsten Schlag ansetzen könnte. “Verdrängen werden eBooks das gedruckte Buch nie!” Das habe schließlich auch Umberto Eco gesagt, verkündete Joey schlagfertig. Eco, so sagte er, habe ausgeführt, dass das mit dem eBook und dem Papierbuch so sei, wie mit Radio und Fernsehen. Das Radio gibt es auch immer noch.

Albernes Argument, dachte ich. Das lässt sich leicht widerlegen, jetzt machte er es mir leicht. „Tja“, setzte ich an. „Nur hat das Radio komplett sein Programm geändert, nachdem sich herausstellte, dass das Fernsehen besser geeignet war für Vorabendserien und Dokumentationen. Im Radio läuft heute nur noch Musik, die Charts rauf und runter. Ich fürchte, mit dem eBook und dem gedruckten Buch wird es eher wie mit der Schallplatte und der CD. Das war auch ein reiner Kampf um den besten Datenträger. Und jetzt? Jetzt zahlt man Unsummen für eine Vinyl-Platte. CDs kriegst Du hinterhergeschmissen.“

Ich lachte wie ein verrückter Wissenschaftler bei der Erschaffung eines Monsters, als ich sah, dass Joeys Gesicht gefror.

„Scheiße, Mann! Wenn ich bedenke, was ich jetzt schon jedes Jahr für Schallplatten ausgebe!“

„Genau. Und Bücher kriegst Du irgendwann nur noch als Liebhaberstücke!“

Ich schenkte ihm Rotwein nach, weil sein Gesicht ganz weiß geworden war, nun hatte ich ihn in den Seilen hängen. „Tja! Alte, unbändige Schlampe Nostalgie!“

Natürlich konnte ich Joeys triebhafte Sammel-Leidenschaft verstehen. Alle Männer müssen irgendwas sammeln. Wenn es keine Carrera-Bahnen oder Miniatureisenbahnen sind, dann eben Schallplatten, Bücher oder Actionfiguren.

„Versuch’s doch mal mit DVDs“, sagte ich. „So lebe ich meinen Sammeltrieb aus. Und der Platzbedarf hält sich in Grenzen.“ Gut, irgendwann wird es Filme auch nur noch auf Festplatten geben, oder als Onlinestream in der Daten-Cloud. Aber um jeden Scheiß mitzumachen, dafür bin ich zu alt. Und da wurde es mir klar: Scheiße! Ich bin wirklich Nostalgiker. Was wenn ich für Filme auch irgendwann ein Vermögen zahlen muss?

„Ich kaufe keine DVDs!“, rief Joey. „Auch keine CDs! Das ist doch total unsicher. Da weiß man doch noch gar nicht, ob man die nach zehn Jahren noch abspielen kann!“

Ich wollte gerade ansetzen zu erklären, dass ich sehr wohl CDs besitze, die ich vor knapp 20 Jahren gekauft habe (damals noch für 29,99 DM beim legendären Mannheimer Medienkaufhaus Prinz), als Joey nachsetzte: „Eine Schallplatte, die kannst Du noch in Hundert Jahren mit einer rostigen Speiche eines Fahrrads abspielen!“

Ich versuchte mir das bildlich vorzustellen, aber wie genau meinte er das eigentlich? Wollte er einen Trichter an die Speiche klemmen, und dann per Hand die Speiche über die Schallplatte ziehen, bis ihm der Arm abfiel?

Ich wollte den nächsten Schlag ansetzen, doch Joey ging in Deckung. Plötzlich huschte ein Hoffnungsschimmer über sein Gesicht, und er fragte: “Kann man Dein eBook eigentlich auch auf dem iPod lesen?”

“Auf dem iPod-Touch auf jeden Fall. Da hat Amazon doch die Kindle-App für. Aber sag mal: Ich wusste gar nicht, dass DU einen iPod besitzt!”

“Na ja”, sagte er kleinlaut. “Sind ja schon ganz praktisch die Dinger. So im Zug und so.”

Autsch!, der Schlag hatte gesessen. Wo kam denn die harte Rechte auf einmal her: Selbst Joey hatte einen iPod-touch? Weil die Dinger praktisch sind? So ganz ohne Fahrradspeiche und Vinyl? Das hat mich echt umgehauen.
Nachdem mir auch nach zehn Sekunden nichts einfiel, was ich entgegnen konnte, gab ich mich geschlagen. Wenn der Chef-Nostalgiker sich nun schon technische Gimmicks kaufte, dann konnte es sich nur noch um eine Frage der Zeit handeln, bis ich selbst einknicken und mir einen eBook-Reader kaufen würde.

Nicht, dass ich irgendwann von meinen eigenen Bücherregalen begraben werde.

*   *   *

Weitere Stories im eBook: „Das Leben ist scheiße, aber schön.

 

Showing 2 comments
  • Jana Prüser

    Hallo 🙂

    mit Freuden habe ich diesen Text über die Neuentdeckung Kindle gelesen. Obwohl ich erst 21 Jahre alt bin, habe ich mich selbst im Teil Bücher unter die Nostalgiker geschlagen und lange Zeit den Ebook Reader verteufelt.
    „Man kann das Buch nicht sehen, fühlen, riechen… man hat doch gar kein richtiges Gefühl dafür, wie es ist, eine Seite umzublättern, das Rascheln zu hören und erst Recht kann man nicht mehr sagen: Ich habe schon die Hälfte geschafft!“ Das Thema, das man ein Buch dann nicht mehr ausleihen könne, spricht mich nicht an – ich leihe auch keine gedruckten Exemplare, zu groß wäre der Verlust einer meiner Lieblinge, wenn es den Weg nicht mehr nach Hause finden würde.
    Nachdem ich mich nun vor 3 Wochen gezwungen sah, wieder einmal meinen Vater und meinen Freund zu belästigen, das ich neue Regale in einem meiner Zimmer bräuchte (in dem es mittlerweile keine einzige Wand ohne Regal gibt!), kam mir das erste Mal der Gedanke an einen Kindle. Nein! Nie! Nie! Und nimmer sowieso nicht!
    Aha, die Exfreundin meines Vaters hat so ein Teufelsding, aus Platzgründen… hm, wäre ja in etwa so wie bei mir… Nein. Brauche ich nicht! Sonst muss das 2. Zimmer eben auch noch herhalten.
    Dann kam Weihnachten und schwupps, eine Freundin bekam einen Kindle. Ach, die auch? Ja, wegen den Reisen, die ganzen Bücher, puh! Der schwere Koffer, dann lieber doch den Kindle! Ja ist denn das Möglichkeit? Recht hatte sie! Ich verreise auch gern und eine Woche Urlaub = 5 Bücher, ganz simple Rechnung in meinem Leben.
    Also, schau ich mir das Wunderding doch mal an. Im Internet hatte es so gar keine überzeugende Wirkung auf mich, dann kam meine Freundin und drückte es mir in die Hand: Na super, spiegelt nicht, kannst sogar in der Sonne lesen! Und wie leicht!
    Also begann mein innerer Kampf.
    Könnten die bei amazon Aktivitäten sehen von den verschiedenen Benutzern, hätten sie gedacht: „Puh, die olle Prüser… jetzt soll sie schon endlich auf Bestellen drücken, macht sie doch eh!“
    Hat sie auch, nachdem sie sich 10 Tage in Folge jeden Tag mindestens 5 mal auf der Seite mit dem Button „Bestellung abschicken“ befunden hat und jedes mal wieder das rote X gefunden hat, oben rechts.
    Nun ist gestern das Unglaubliche passiert: Ich habe meinen Kindle bestellt, mit Lederhülle, damit er nicht zerkratzt und werde ihn auf die Zugfahrten zur Uni bei mir tragen, damit die gedruckten Brüder des Ebooks nicht mehr so zerfleddert ausschauen.
    Dem Buchdruck bleibe ich trotzdem treu ergeben, mein Kindle wird wohl oder übel nur ein Reisebegleiter bleiben. Solange es noch gedruckte Bücher gibt, werde ich diese wohl immer lesen!
    Sollte das Ebook Einzug halten in die Haushalte, bin ich gerüstet!

    Weiter so!

    Herzlichen Gruß,

    Jana Prüser

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