Sizilien: Das verwunschene Schloss der 6.000 Steinskulpturen

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Filippo Bentivegna wurde Zeit seines Lebens von seinen Nachbarn als Spinner gemieden. Erst nach seinem Tod wurde er berühmt: Die gut sechstausend Skulpturen, die er auf seinem Olivenhain nahe der sizilianischen Stadt Sciacca geschaffen hat, wurden nachträglich zur Kunst erklärt, das Feld wurde zum Museum.

Bentivegnas künstlerische Arbeit begleitet eine tragische Lebensgeschichte: Anfang des 20. Jahrhunderts verließ er Sizilien und emigrierte in die USA. Dort verliebte er sich Hals über Kopf in eine Amerikanerin, verlor seine Liebe aber nach kurzer Zeit an einen Rivalen. Nachdem er von dem Nebenbuhler brutal zusammengeschlagen wurde, brach eine psychische Erkrankung aus. Seine Persönlichkeit scheint sich nach diesem Ereignis stark geändert zu haben. Bald darauf kehrt er mit dem Geld, das er in Amerika verdient hat, in seine Geburtsstadt zurück und kauft sich ein kleines Feld, mit wunderschönem Meerblick. Das Feld, das bald darauf das “Castello Incantato” werden soll – das “verwunschene Schloss”.

Die Suche nach dem Museum

Der Reiseführer warnt, dass es zu wenig Schilder gibt. Das wäre halb so schlimm, wenn im Reiseführer die richtige Adresse angegeben wäre, dann würde das Navi weiterhelfen. Stattdessen führt es uns nur an eine Kreuzung, irgendwo im Nirgendwo.

Aber wo sind die Schilder?

Wir biegen nach rechts ab und landen ein paar Serpentinenkurven später mitten im Stadtzentrum von Sciacca. Schön hier, gleich an der ersten Piazza wird man von historischen Bauten aus der Normannenzeit begrüßt. Nur haben wir jetzt dafür keine Zeit. Umdrehen kann man nicht, die Straße führt nur in eine Richtung. Am Stadtausgang fragen wir an einer Tankstelle. Die Erklärung des Tankwarts klingt einfach, führt uns allerdings über eine Umgehungsstraße einmal um die Stadt herum und wir landen wieder am ersten Ortseingang.

An einem Gemüsestand erklärt uns die Verkäuferin, sie wisse überhaupt nicht was das sei, das “Castello Incantato”. Typisch Sizilien. Da hat man schon eine Sehenswürdigkeit im Ort, zu der Touristen aus der ganzen Welt anreisen, und nicht nur, dass man keine Schilder aufstellt, nein – die Einheimischen kennen die Sehenswürdigkeit überhaupt nicht.

Erlösung bringt eine elegante Dame, die gerade Grünzeug kauft. Sie gibt sich nicht damit zufrieden uns den Weg einfach nur zu erklären. Sie besteht darauf, dass sie mit ihrem Auto vor uns herfährt. Auch das typisch Sizilien.

Sommer- oder Winterzeit?

So finden wir das Museum doch noch bevor es schließt. Wann das genau ist, ist nämlich auch noch so eine Frage. Ein Schild am Eingang bestätigt was im Reiseführer steht: Es gibt unterschiedliche Öffnungszeiten für Winter und Sommer. Im Winter schließt das Museum schon um 13 Uhr, im Sommer macht es um 14 Uhr Mittagspause und öffnet um 16 Uhr wieder.

Wir sehen auf die Uhr. Zwei Stunden haben wir noch. Zumindest falls es stimmt was im Reiseführer steht – auf dem Schild steht nämlich nichts genaues – dass noch die Sommeröffnungszeiten gelten. Wobei, eine Stunde wird wohl auch reichen, denken wir.

Von einem stark gelangweilten Angestellten im Museumscafè kaufen wir die Tickets und betreten das Areal. Der erste Eindruck, als wir den schmalen Pfad den Hügel hinauf laufen: Die Statuen sehen aber in echt kleiner aus, als im Reiseführer. Bei genauerer Betrachtung muss ich aber feststellen, dass sie trotzdem nicht weniger beeindruckend sind. Und wenn man zwischen Tausenden Köpfen steht, die einen aus allen Richtungen anstarren, dann ist das geradezu gespenstisch.

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Der König vom Olivenhain

Nachdem er das Feld erworben hatte, fing Filippo an Gesichter in Stein zu hauen. Und in die Olivenbäume. Zurückgezogen von den Menschen gab er seinen Skulpturen Namen und errichtete sein eigenes Phantasieland in dem er der König war. Wenn er doch mal einen echten Menschen sah, wollte er mit “Seine Exzellenz” angesprochen werden. Daher kommt wohl auch der Name des Felds – denn ein richtigen Schloss gibt es hier natürlich nicht.

In dem schmalen Faltblatt, dass wir zu unseren Tickets dazubekommen haben, steht, dass keine Einzige der Skulpturen einer anderen gleichen würde. Im Reiseführer meint man hingegen, in den meisten Gesichtern würde sich immerfort die entstellte Fratze des Rivalen aus Amerika darstellen. Die Wahrheit liegt vielleicht irgendwo dazwischen. Wir sehen immer wieder verschiedene Figuren, aber dann wiederholen sich auch einige Merkmale regelmäßig.

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In der Mitte des Areals steht eine kleine Hütte, vielleicht zehn Quadratmeter groß. Hier hat der Künstler gelebt. Und gemalt. Auf die Wände hat er das Panorama einer Großstadt gezeichnet. Die Wolkenkratzer wirken sonderbarerweise wie die Türme mittelalterlicher Schlösser, trotzdem ist es unverkennbar: Es ist New York. Die neue Welt, in die Filippo einst auswanderte.

Oberhalb des Areals finden wir drei Höhlen, in den Felsen gehauen. War das Filippo selbst? Stehen wir vor seinem Steinbruch? In den Höhlen wieder, überall Gesichter, die den Eindringling von allen Seiten beobachten.

Typisch Sizilien

Auf dem Weg zurück zum Ausgang übermannt uns die Aussicht aufs Meer und wir lassen uns einen Moment zwischen all den Skulpturen nieder, um die Sonne zu genießen. Vielleicht einen Moment zu lang. Als wir wieder am Museumscafè ankommen ist es drei Minuten nach 13 Uhr. Und am Eingangstor hängen zwei dicke Schlösser.

Anscheinend ist hier doch schon Winter eingekehrt. Aber sollte das Museum um 13 Uhr schließen, dann hat der Angestellte es trotzdem ziemlich eilig gehabt sein Cafè zu schließen und pünktlich zu gehen. Auch das ist irgendwie typisch Sizilien.

Wir lösen das Problem indem wir uns einen Stuhl aus dem Freibereich des Cafès holen, damit die Mauer erklimmen und uns auf der anderen Seite abseilen. Außer ein paar kläffenden Hunden auf dem Nachbargrundstück, verläuft das ohne weitere Probleme. Und wir sind um eine Erfahrung reicher: Einmal im Leben aus einem Museum ausbrechen.

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Weitere Informationen:
Castello Incantato, Via Filippo Bentivegna, 16 Sciacca, Sizilien
www.castelloincantato.net

Wie eine nachträgliche Internetrecherche ergeben hat, schließt das Museum mittlerweile wohl täglich um 13 Uhr, egal ob Sommer oder Winter. Damit sind sowohl die Informationen im Reiseführer, als auch die Angaben auf dem Schild am Museumseingang veraltet.

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Showing 3 comments
  • Eva Herrmann

    Herzlichen Dank für diese Informationen zum „Verzauberten Garten“.
    Das ist sehr nützlich, wenn ich bei einem der nächsten Besuche auf Sizilien den Garten besuchen werde (ich fahre jetzt im Februar das 21.Mal nach Sizilien…)

    Herzliche Grüße

    Eva Herrmann

  • Daniel

    Keine Ursache.

    21 Mal. Das ist ordentlich! Ist aber auch immer wieder schön. Ich war aber erst vier Mal in Sizilien… 😉

  • Marlies Wartemann

    Wir wohnen nun schon viele Jahre auf Sizilien, haben jahrelang gebraucht um dieses Museum zu finden.
    Als sich Freund das Kurhotel in Sciacca angesehen haben, konnte man uns endlich dort erklaeren, wie man das Castello Incantato findet.
    Ebenso sieht man von der SS 114 aus bei Ribera eine Burg.
    Auch diese war schwer zu finden, und keiner konnte uns helfen, viele kannten die Burg nicht mal.

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